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Japan 2011

Dank an alle Beteiligten der Sammelaktion für Japan und ein Bericht der Japanreise von Marianne Häni und Verena Matter



Marianne und ich haben wunderbare Erinnerungen an unsere Frühlingsreise nach Japan im Jahr 2009. Wir haben das Land während der allerschönsten Zeit, der Kirschblütenzeit, besucht und waren restlos fasziniert von Land und Leuten. Wieder zu Hause besuchten wir verschiedene kulturelle japanischen Anlässe und lernten weiterhin die japanische Sprache! Schon bald schmiedeten wir neue Pläne und buchten eine Herbstreise für das Jahr 2011. Als dann im März das grosse Unglück über Japan hereinbrach, waren wir erschüttert und litten gewaltig mit.
Die Durchführbarkeit unserer Reise wurde zuerst mal in Frage gestellt, wir wollten uns aber irgendwie an einer Hilfsaktion für Japan beteiligen.
Dank der grossen und hilfsbereiten Quiltergemeinde konnten wir tätig werden. Wir organisierten eine Sammelaktion “ Quilts für Japan“. Wir konnten viele Quilts entgegen nehmen und einige auch selber nähen, verpackten diese in Container und suchten nach Transportmöglichkeiten. Nach vielen Mails und guten Sponsoren hat alles bestens geklappt. Die letzte Sendung konnten wir im Juli auf ein Schiff verfrachten.
Nach ca. 2 Monaten grösster Betroffenheit und Unruhe hat sich das Leben in Japan trotz aller Schwierigkeiten wieder etwas normalisiert und wir konnten unsere Herbstreise vorbereiten. Mit einer kleinen englischen Gruppe sind wir zuerst während 2 Wochen vor allem durch den Norden Japans gereist und haben sehr interessante Orte besucht.
Nach einem Rundgang durch das lebhafte Tokyo sind wir mit dem Zug nach Nikko gefahren, haben den berühmten Toshogu Schrein aus der Edozeit bewundert und die herbstliche Verfärbung der Laubbäume im Nationalpark. Nach einer Nacht in einem Ryokan, einem japanischen Hotel mit grossem Bad auf dem Dach und typisch japanischem Essen führte uns die Reise nordwärts nach Sendai, Matsushima, Hiraizumi, wo wir Tempel, eine goldene Halle, Schreine, Inseln und fantastische Gärten besuchten. Weiter gegen Westen, im Landesinnern, machten wir eine Flussfahrt, wo direkt neben uns zum Greifen nahe metergrosse Koi-Fische (6)schwammen. Wir sahen aktive Geysire, einen riesigen Stausee, das Haus des berühmten Haiku Dichters Bashô und ein Museum der holzgeschnitzten Kokeshi Puppe, wir stiegen 2000 Treppen hoch zu einem Tempel, alles inmitten farbiger Landschaft, Reisfeldern, gelben Ginkgo-, roten Ahorn- und unzähliger Kirschbäume in allen rot-gelb-braun-Schattierungen. Von der modernen Stadt Niigata am Japanischen Meer nahmen wir die Fähre nach Sado-Island, der Heimat der Kodo Trommler. Ein Besuch eines Puppentheaters, einer Sake-Brauerei, eines Goldgräberberges und einer Schaukelfahrt in einem Fass in einer Lagune rundete unsere Erlebnisreise ab.

Dass die Erdbebenkatastrophe dem Tourismus sehr geschadet hat, haben wir bemerkt, denn wir sind als Ausländer sehr aufgefallen, wurden aber umso herzlicher willkommen geheissen. Bei Matsushima haben wir schon noch grosse Schäden gesehen, die Ladenstrasse entlang des Ufers war aber bereits wieder instand gestellt worden und Fotos an den Wänden dokumentierten die schrecklichen Verwüstungen.

Anschliessend haben wir eine 3-wöchige Workshop-Tour gemacht, die BERNINA-JAPAN für uns organisierte. Diese Reise führte uns über fast 2000 km von Tokyo in den Norden nach Sendai, Morioka, Aomori, zurück nach Tokyo, dann in den Südwesten nach Kyoto, Hiroshima bis nach Fukuoka auf der Insel Kyushu und zurück via Yokohama wieder nach Tokyo.
Für uns waren die Workshops zeitweise recht anstrengend, vor allem wenn diese 3 Tage hintereinander in verschiedenen Städten stattfanden. Am Morgen bauten wir das Kurslokal auf, unter anderem einmal in einem Kaufhaus wo der Platz äusserst knapp war, schmale Tische, improvisierte Leinwand, etc. Aber es war unglaublich, niemand hat je reklamiert. Die Japanerinnen machten immer das Beste aus der Situation, haben teilweise auf den Knien oder unter dem Nähmaschinentisch Stoffe zugeschnitten. Atoji-san, der CEO von Bernina-Japan hat meistens für uns übersetzt. Eine japanische Nähspezialistin und der oder die HändlerIn vor Ort haben jeweils technischen Support gegeben, oft war auch noch ein Techniker mit dabei. Am Abend räumten wir alles wieder zusammen, schön sortiert, damit die eine Hälfte an den übernächsten Ort gesendet werden konnte. Der Rest reiste mit uns weiter. Dank dem tollen Team von Atoji-san, der perfekten Organisation und den guten Vorbereitungen ging alles reibungslos und sehr effizient. Eine Transportfirma war jeweils pünktlich vor Ort, wir verliessen einen leeren, geputzten Raum, schoben unsere Koffer zur Bahnstation und mit einem super schnellen Shinkansen-Zug erreichten wir in Kürze die nächste Stadt, wo es wieder ins Hotel ging, und dann wurden wir mit einem köstlichen Nachtessen belohnt. Jede Stadt bietet eine kulinarische Spezialität. Wir haben das genossen und probierten (fast) alles!

Im Workshop haben wir den Schwerpunkt auf die Zierstiche der Nähmaschinen gelegt. Einen Teil bestickten wir freihändig und einen anderen Teil mit Hilfe der Sticksoftware. Mit einer kleinen Präsentation über die Schweiz und uns und unsere Quilts starteten wir den Tag. Es folgte eine kleine Uebung im A5 Format und dann konnten die Damen wählen, ob sie eine kleine Schultertasche oder ein Iphone-Täschchen nähen wollten. Je nach Anzahl der Teilnehmerinnen waren wir recht gefordert, denn es wollten ja alle etwas Fertiges mit nach Hause nehmen! Als „Sensei“ (Lehrer) war unsere Meinung sehr gefragt und galt fast als Credo! Dass wir uns in einer anderen Kultur bewegten, haben wir tagtäglich registriert, für uns aber immer im positiven Sinn. Die Leute sind so nett, aufmerksam, hilfsbereit und rücksichtsvoll, auch untereinander, dass wir einfach glücklich waren, das alles erleben zu dürfen!
Die Krönung unserer Reise war die Internationale Quilt Week in Yokohama, ein riesiger Event, den während dreier Tag jeweils ca. 20‘000 Leute besuchen. Es gibt Ausstellungen, Wettbewerbe, Workshops, Märkte und Vorträge. Da wir selber unterrichteten, war die Zeit viel zu kurz um alles anzuschauen!
In der Ausstellung sind wir bekannten Gesichtern begegnet, z. B. Naomi Ichikawa, Noriko Endo und Keiko Goke. Naomi Ichikawa, die Initiantin der Quilt-Sammelaktion, bestätigte uns, dass die letzte Ladung genau an unserem letzten Tag per Schiff angekommen sei, und dass diese in nächster Zeit verteilt würden. Inzwischen ist es in Japan kalt geworden und die Quilts sind willkommen und wurden dankbar entgegen genommen und verteilt. Die ganze Aktion fand nicht nur in der Schweiz statt, sondern u.a. auch in Deutschland, Frankreich und den USA. Es kam eine stattliche Zahl von 10’ooo Quilts zusammen! Zwischenzeitlich kam sich Naomi wie der Zauberlehrling vor, der den Segen nicht mehr stoppen konnte und nicht mehr wusste, wo man die Quilts zwischenlagern sollte. Aber jetzt sind alle dankbar und glücklich, dass sich so viele Leute auf der ganzen Welt mit dem japanischen Volk solidarisch erklärten und zu helfen versuchten.

Es gibt ja keine Zufälle, nicht wahr? in Yokohama hatten wir eine Uebersetzerin, die mit Keiko Goke befreundet ist und Keiko Goke, die selber nur wenig Englisch spricht, kommt aus der Gegend von Sendai, wo es sehr viele Tsunamischäden gab. Mit ihr und der Uebersetzerin Mariko Akizuki konnten wir weitere Fäden spannen und können jetzt unsere Sammelaktion für Japan einem guten Ende zuführen. Keiko machte eine Gruppe von Frauen ausfindig, die nach der Katastrophe mit Nähen begonnen haben. Bis jetzt verfügen sie gerade mal über 2 Maschinen! Mit dem „Transportgeld“, das wir dank den guten Sponsoren sparen konnten, können wir nun diesen Frauen 8 gebrauchte und von Bernina wie neu hergerichtete Nähmaschinen kaufen und etwas Stoff dazu, so dass sie selbst wieder für ihren Unterhalt sorgen können. Ein Echo werden wir bestimmt mal zu hören bekommen und werden Euch davon berichten.
Die Dankbarkeit, die wir im Kontakt mit den Japanern spürten, möchten wir an dieser Stelle Euch allen, die an dieser Sammelaktion für Japan in irgendeiner Weise teil-
genommen haben, übermitteln! Arigatô gozaimashita! ありがとう ございました。

Das Jahr 2011 war sehr bewegend und wir sind sehr dankbar, dass wir diese Reise mit all unseren Erlebnissen und Begegnungen machen durften.
Wir hoffen, dass das Jahr des Drachens mehr Glück für die Welt bereit hat!

Verena Matter
und Marianne Häni

Verena Matter | Ziegeleiweg 6 | CH-8840 Einsiedeln | +41 (0) 44 788 24 77 | E-Mail
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