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Japan 2013

Erlebnisbericht über die Reise ins Tsunamigebiet vom 26. und 27. Oktober 2013


Irgendwie passt alles zusammen und ist auch etwas symbolisch: wir können kaum einschlafen heute Abend, die erste Woche unserer Workshop-Tour mit Bernina in Japan ist vorüber und wir sind todmüde. Aber wahrscheinlich schon etwas unter Spannung wegen morgen, wo wir nun nach langer Planung das Tsunami-Gebiet in Tôhoku besuchen werden. Nachdem wir dann endlich eingeschlafen sind, weckt uns plötzlich eine heftige Erschütterung: ein Erdbeben! Es ist ein eigenartiges Gefühl, aber Angst verspüren wir eigentlich nicht, und schliesslich schlafen wir wieder ein.
Am Morgen stellen wir fest, dass es ein ziemlich starkes Erdbeben der Stärke 7.1 war und auch relativ lange gedauert hat. Das Beben ist jedoch nichts im Vergleich zu der Erschütterung, die die heutige Autoreise durch Tôhoku in unseren Seelen hinterlässt!

Diese Reise hat eine längere Vorgeschichte: Vor gut zwei Jahren hatten wir beide - Verena Matter und Marianne Häni - nach der Katastrophe in Japan bei den Schweizer Quilterinnen und Freunden und Bekannten einen Aufruf gemacht, Quilts zu schicken für die Erdbeben- und Tsunamiopfer und vielleicht auch etwas Bargeld zu spenden, um die Transporte der Decken zu finanzieren. Wir waren überwältigt von den grossherzigen Reaktionen aus der ganzen Schweiz. Schliesslich konnten rund 200 Quilts aus der ganzen Schweiz nach Japan geschickt werden. Dank grosszügiger Übernahme der Transportkosten durch Sponsoren – die erste Ladung wurde von Bernina International finanziert - blieben dann mehr als Fr. 12‘000.- Bargeld für andere Zwecke übrig. Unser Wunsch war es, mit diesem Geld eine nachhaltige Aktion zu starten. So waren wir sehr glücklich, dass Herr Atoji, CEO von Bernina Japan, ohne Zögern unserem Vorschlag folgte, damit Nähmaschinen zu spenden und die Anzahl sogar noch grosszügig aufzurunden. Schliesslich konnten 14 revidierte Nähmaschinen in bestem Zustand bereitgestellt werden. Wir wussten auch schon, mit wem wir dieses Projekt durchführen wollten: Keiko Goke, die bekannte japanische Quiltkünstlerin, stammt selber aus dem damals stark betroffenen Sendai, und bei unseren Gesprächen mit ihr vor zwei Jahren hatte sie sich bereits sehr interessiert gezeigt, uns zu unterstützen.

Nachdem sich Keiko Goke intensiv mit der Suche nach geeigneten Projekten befasst und einige davon auch bald wieder verworfen hatte, fand sie schliesslich einige Gruppen, die in ihren Augen nachhaltige Projekte angefangen hatten, jedoch nicht genügend Nähmaschinen hatten. Schliesslich konnte sie ihnen die Maschinen persönlich überbringen und sie auch instruieren. Einige erhielten auch von ihren wunderschönen farbenfrohen Stoffen geschenkt und stellen heute damit hübsche Taschen her. Eine längere Vorgeschichte also, und wir waren nun äusserst gespannt auf deren Fortsetzung! Am Samstagmorgen früh werden wir (Herr Atoji, Verena Matter, Marianne Häni) von Keiko Goke und ihrem Mann und einer weiteren Bekannten und Übersetzerin, Mariko Akizuki mit dem Auto abgeholt. Bei strömendem Regen – eine Auswirkung des Taifuns, der heute (auch irgendwie symbolhaft) vor der Küste Japans vorbeizieht – fahren wir von Sendai los Richtung Norden und kommen schon bald in Higashi Matsushima an, wo wir die erste Gruppe besuchen. Diese Frauen haben begonnen, aus Kniesocken allerliebste Äffchen mit dem Namen „Onokun“ herzustellen. Weiche, farbenfrohe, sympathische Kuscheltiere, von denen sie inzwischen so viele verkaufen können, dass sie lange Wartelisten haben. Wir werden in ihrer provisorischen Behausung, einer Art Baracke, herzlich empfangen. Alle sind am Arbeiten, die einen stopfen Beine, die anderen nähen von Hand Augen auf, und eine Bernina ist gerade im Einsatz. Es gibt Kaffee, man plaudert, und natürlich müssen wir alle für unsere Enkelkinder Äffchen kaufen!
Auf der Fahrt zur nächsten Gruppe in Minamisanriku-cho halten wir unterwegs an einigen Stellen an, wo die Verwüstung durch den Tsunami besonders radikal war. Einige Überreste von Gebäuden oder ganze umgestürzte Bürohäuser hat man als Mahnmal vorerst stehen gelassen, und diese Bilder sind besonders eindrücklich. Einfache kleine Altäre mit Blumen stehen davor, wo die Menschen ihrer toten Angehörigen gedenken können. Es ist windig, regnerisch und kalt, das Wetter passt zur gedrückten Stimmung hier. Man kann sich kaum vorstellen, wie es hier nach dem Erdbeben und Tsunami ausgesehen haben muss. Und wohin die Tonnen von Material hingebracht wurden!

Die nächste Gruppe wohnt und arbeitet in einem Haus, das zwar beschädigt wurde, aber renoviert werden konnte. Diese Frauen machen aus alten Kimonostoffen Untersätze, Schmuck, Täschchen, usw., und auch hier sind die Bernina-Maschinen in vollem Einsatz. Bei allen Gruppen kann Herr Atoji die Maschinen kontrollieren und den Frauen einiges zeigen, das sie noch nicht wussten. Diese Gruppe hat von Keiko Goke von ihren wunderschönen Stoffen geschenkt erhalten und daraus tolle Taschen gemacht. Allerdings möchten sie sie am liebsten selber behalten, da sie ihnen so gefallen!
Die Fahrt führt uns weiter nach Norden, und auch hier sehen wir unterwegs allzu vieles, was der Tsunami verwüstet hat. Eisenbahnlinien und Strassen, die einfach irgendwo abgebrochen sind und ins Nichts führen. Grosse Grundstücke von ehemaligen Wohnsiedlungen, von denen man nur noch die Fundamente sieht. Was müssen diese Leute durchgemacht haben, die in wenigen Minuten ihr Obdach, ihr ganzes Hab und Gut und, am schlimmsten, ihre Angehörigen verloren haben!

Unsere letzte Station heute ist Karakuwa, wo die Frauen ebenfalls ein spezielles Projekt gestartet haben. Da der wichtigste Einkommenszweig, der Fischfang, nach dem Tsunami kein Thema mehr war, waren die farbenfrohen Flaggen mit den aufgedruckten Wünschen für guten Fang – Tairyô - plötzlich übrig. So begannen die Frauen, daraus Gebrauchsgegenstände – Handtaschen, Einkaufstaschen, Etuis, usw. zu nähen. Hier das gleiche Bild: Die Bernina-Maschinen sind im Dauereinsatz. Auch sie können sich vor Bestellungen kaum mehr wehren, und ihr Projekt wurde sogar vom nationalen Fernsehsender NHK aufgezeichnet. Welch ein Zufall, dass wir gleich am nächsten Morgen nach dem Aufstehen im Hotelfernseher genau diese Sendung anschauen konnten!

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, und am Horizont zeigt sich ein Stück blauer Himmel und von der untergehenden Sonne angeleuchtete Wolken. Nach all dem, was wir heute gesehen haben, und das Wissen, dass unsere Hilfe und Unterstützung einigen Opfer der grossen Katastrophe neue Möglichkeiten eröffnet hat, lässt in uns die Hoffnung aufkommen, dass auch für diese Menschen am Horizont wieder blauer Himmel und helle Wolken aufgetaucht sind!

Ein grosser Dank geht an alle Menschen, die unserem Aufruf nach der Katastrophe gefolgt sind und Quilts und Bargeld gespendet haben! Nihon, ganbatte kudasai!


Verena Matter
und Marianne Häni

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